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S Bahn Plan BerlinEs ist schon lange her, im Sommer 1962, da war ich zum ersten Mal in Berlin. Wir fuhren mit der S-Bahn in den Ostsektor der frisch geteilten Stadt, um im Müggelsee schwimmen zu gehen. Es war unglaublich heiß und auf dem Lehrter Bahnhof wurde ich vor Hitze tatsächlich ohnmächtig.

Vom Bahnhof Zoo ging es über den Lehrter Bahnhof, dem heutigen Hauptbahnhof, bis zur Friedrichstraße, dem Grenzübergang in die DDR, dort ging es durch Bretterverschläge an Kontrollposten vorbei in die S-Bahn nach Erkner. Ich erinnere mich an die Gerüche der S-Bahn, die ihr noch heute ein wenig anhaften, irgendwie nach Desinfektionsmittel und Maschinenöl.

Für mich ist die Berliner S-Bahn etwas Besonderes. Wenn ich in Berlin ankomme, vom Hauptbahnhof her oder vom Flughafen Schönefeld, und die Durchsage höre, die sanfte Stimme des S-Bahnsprechers, wird mir gleich heimatlich zumute. Berlin, ein Sehnsuchtsort.

Schon bevor ich 1962 nach Berlin kam, hatte ich die erste Inhalation durch einen Film erhalten, es war die Fahrt über die Eisenbahnbrücke in die S-Bahnstation Gleisdreck. Das Gleichdreck ist für mich seitdem ein geschichtsträchtiger Ort, als ich noch so unglaublich jung war und aussehen wollte wie Vera Tschechowa in diesem Film von Heinrich Böll: "Das Brot der frühen Jahre".

Dann stand Ende Januar 2017 im Berliner Tagesspiegel eine Notiz, dass nach langer Bauphase die S-Bahnhöfe Nordbahnhof, Oranienburger Straße, Unter den Linden/Brandenburger Tor und Potsdamer Platz in neuem Gewande erscheinen und mit historischen Fotos die Stadtgeschichte verkörpern.

Da galt es doch keine Zeit zu verlieren und viele Stunden in diesen S-Bahnstationen zu verbringen, es war so kalt wie es nur in Berlin kalt sein kann, und natürlich hochinteressant. Und das sind Fotos von diesen Stationen von Norden nach Süden, am Nordbahnhof beginnend.

Nordbahnhof 01 Nordbahnhof 02 Nordbahnhof 03

Auch der Nordbahnhof ist ein Ort mit einer persönlichen Geschichte. Als ich 1962 in die Berliner Lette Schule ging, Fachbereich Fotografie, da brodelte es nur so von Schlepper- und Schleusergeschichten, von Fluchten über die Mauer, durch Mauertunneln und die Kanalisation. Und in eine der Schleusergeschichten verwickelte ich mich reichlich unbedarft, aus heutiger Sicht.

Ich hatte in einer Berliner Kneipe Leute kennengelernt, die wiederum Leute aus dem Westen suchten, die Drahtseilrollen nach Ostberlin schmuggeln sollten, unter dem Mantel, die dann in der Bernauer Straße zum Einsatz kommen sollten. Die Häuser der Bernauer lagen direkt an der Mauer, von dort aus sollten Drahtseile nach „Drüben“ gespannt werden, vom Dachboden, und mit den Rollen sollten dann DDR-Flüchtlinge hinüber rollen können. Nach reiflicher Überlegung nahm ich doch lieber Abstand von diesem Vorhaben, das in einem DDR Gefängnis hätte enden können, aber die Bernauer Straße geht mir seitdem nicht aus dem Gedächtnis, sie endet am Nordbahnhof.

Noch im Jahr 1996 sah dieser Nordbahnhof so schauerlich aus, als ob er nach 35 Jahren gerade erst geöffnet worden wäre, und wie es da unten zugegangen war, davon zeugen die historischen Fotos. Zu jener Zeit stand noch die Mauer und hinter ihr ein Polenmarkt und sehr viel Brachland. Der Nordbahnhof ist heute, wie die gesamte Bernauer Straße, zu einem besonderen historischen Denkmal gestaltet worden, das ist ein lobenswertes Verdienst der Stadt Berlin, das zu würdigen ist.

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Nächste Station: Oranienburger Straße. Auch hier gibt es eine persönliche Geschichte. Es war 1992, da lebte ich eine Weile in Berlin. In der nunmehr ungeteilten Stadt waren zwei Welten zu besichtigen. Ich erinnere mich an einen Theaterbesuch im "Tacheles" in der Oranienburger Straße, es war im Januar und wieder eiskalt. In Szene gesetzt war ein Stück deutscher Geschichte, ganz passend zum Abbruchhaus. Hoch oben auf dem Dachboden, eingehüllt in Wehrmachtsdecken, saßen wir Zuschauer auf Holzbänken an der kalten, grauen Wand entlang, es sollte sich wohl authentisch anfühlen.

Im Stück ging es um Feldpostbriefe von Wehrmachtssoldaten und Kindern im 2. Weltkrieg, um ein seltsames Abendmahl an der Stirnseite des Raumes, Schutt und Trauer, an mehr kann ich mich nicht erinnern, nur, dass wir uns zuvor in dem finsteren Treppenhaus ohne Geländer angstvoll nach oben getasteten hatten, und später in der U-Bahn Oranienburger Tor mit blauen Lippen von einem Bein aufs andere hüpften, um nicht gänzlich zu erfrieren.

Oranienburger Strasse 01 Oranienburger Strasse 02 Oranienburger Strasse 03

Nächste Station: Unter den Linden/Brandenburger Tor. Unter den Linden spazierte ich im Jahr 1962 zum ersten mal mit meiner Mutter. Am Nachmittag gingen wir in das Operncafe, am Abend in die Oper und erlebten dort "Tosca". Ich erinnere mich an riesige Pappsäulen, die auf der Bühne umhergeschoben wurden. Das war für mich der Osten, und ich hatte keine Ahnung wo wir waren.

Unter den Linden 01 Unter den Linden 02 Unter den Linden 03

Nächste Station: Potsdamer Platz. Im Jahr 1992 irrten wir einmal über dem Potsdamer Platz in der Dämmerung umher, auf der Suche nach dem Osten, ein riesiges Brachland. Im Jahr 1996 wurde es zur riesigen Baustelle. Wir liebten es sehr, mit dem 347er Bus vom Zoo zum Hackeschen Markt zu fahren, der gondelte über die ganze Baustelle und lies keine grundwassergefüllte Tiefbaugrube aus, seitdem ist mir der Potsdamer Platz altvertraut, auch wenn dort heute Bauten der Superlative zu besichtigen sind und das Sony Center eine Sensation für Touristen aus aller Welt darstellt, besonders bei der Berlinale.

Der Potsdamer Platz gehörte zu den "Geisterbahnhöfen", an die ich mich gut erinnere, sie waren staubgrau und halbdunkel, Pappsoldaten standen Wache. Im Jahr 1963 durchquerten wir die stillgelegten Ostbahnhöfe der U-6, wenn wir als Studentinnen nach Alt-Tegel fuhren, um in typischen Berliner Ausflugslokalen am Geschirrspültrog zu stehen und mit Abwaschen die Haushaltskasse aufzufüllen.

Berlin in den 60er Jahren war für uns ein Abenteuer, wir waren wild und frech und wollten einfach nur frei sein, ausgerechnet in Berlin. Vom Ostteil der Stadt hatten wir doch keine Ahnung, heute wissen wir dank Film, Funk, Fernsehen mehr als wir damals ahnen konnten, und ein Teil dieser Geschichte ist in den S-Bahnstationen zu besichtigen.

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