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Mondfinsternis 2015sFoto: Romie SinghAm 28. September 2015 war eine Mondfinsternis von erstaunlicher Schönheit zu erleben, weil der Mond horizontnahe bei der Erde stand. Das kommt nicht so oft vor.

Diese Mondfinsternis möchte ich zum Anlass nehmen, um einige Gedanken zum Thema Zeit auszuführen. Es handelt sich dabei um einen kurzen Textauszug aus dem Kapitel "Den Mond ausgraben" meines angekündigten Buches "Im Zeichen der Zeit".

 

 

Den Mond ausgraben


Den Mond ausgraben? Was für eine Idee. Der Mond ist ja am Himmel zu sehen, am Tage und bei Nacht, man muss ihn doch nicht ausgraben. Dennoch, es ist so, der Mond muss ausgegraben werden. Jedenfalls ist das mein Anliegen.

Wohl ist der Mond am Himmel zu sehen, Tag und Nacht, der liebe Mond, aber aus unserem Bewusstsein wurde er verbannt. Und deshalb konnte es geschehen, dass der Mond, vor unser aller Augen stets präsent, wie nicht vorhanden ist, und dass unser Leben ohne ihn arm geworden ist.

Etwas Wesentliches fehlt und das ist der Mond und seine Zeit. Die Mondzeit fehlt in unserem Leben, weil sie in unserem Kalender fehlt. Ich meine den Julianisch-Gregorianischen Kalender, das ist ein reiner Sonnenkalender, in dem der Mond als Kürzel ohne Wert mitläuft wie ein braves Hündchen.

Oder wie ein Relikt aus alter Zeit, denn es gibt zwar noch Monate in diesem Kalender, aber mit dem Mond am Himmel haben sie nichts mehr zu tun und deshalb auch nicht mit seiner Zeit, die in sich rund ist, zyklisch, ruhig und schön, und die keinesfalls in kleine Abschnitte zerlegt werden kann.

Im Ursprung ist ein Kalender eine Himmelsschau auf die Bewegung der Gestirne, auf ihr Kommen und Gehen, auf ihr Erscheinen und Verschwinden. Wohin und woher und wo und wann? Das sind die Fragen, die die Menschen durch Jahrtausende bewegt haben müssen. Und aus Neugierde und wohl aus Faszination entstanden die alten Geschichten, Mythen, Märchen und Sagen, die von Sonne, Mond und Sternen erzählen, von Göttinnen und Göttern am Himmel und von ihren übermenschlichen göttlichen Taten.

Das Blaue vom Himmel herunter wurde erzählt, aber die Zeit vom Himmel, die wurde an den zehn Fingern abgezählt. Viel später erst kamen die Zeichen der Zeit auf. Zunächst waren es winzige Zeichen auf Knochen und Tongefässen, Punkte und Striche, Kreuze, Winkel, Bogen, Kringel und Spiralen. Später erst kamen Zahlen und Buchstaben.

Das Erstaunliche finde ich, dass die Faszination und das Interesse an der Zeit heute so aktuell sind wie einst. Nach wie vor wird das himmlische Geschehen beobachtet, nach wie vor vom Himmel erzählt und am Himmel gezählt. Es wird gerechnet, gezeichnet, abgebildet und nachgebildet. Die Zeit wird festgehalten. Oder wird sich an ihr festgehalten? Ja. Und wie? Mit den Kalendern.

Tag und Nacht läuft er am Himmel herum

Kalender bieten Orientierung in der Welt und sie verhelfen dazu, Ordnung zu halten. Kleine Versuche sind es, sich in den unendlichen Dimensionen einer unendlichen und irgendwie auch zeitlosen Zeit zurechtzufinden. Eigentlich müssten wir uns um die Zeit gar nicht kümmern. Soll sie doch kommen und gehen wie sie will, da sein oder nicht, das könnte uns gleich sein.

Schließlich sind es unheimliche und unmenschliche Dimensionen, von denen wir umgeben sind, und deshalb finde ich es eigentlich erstaunlich und auch rührend, dass wir ausgerechnet mit Hilfe der Zeit versuchen, mit der Unendlichkeit zurechtzukommen. Vielleicht möchten wir uns irgendwo festhalten. Vielleicht möchten wir uns vertraut fühlen mit etwas, das immer wieder erscheint und auf das wir uns verlassen können.

Vielleicht wurden die Gestirne deshalb durch viele Jahrtausende beobachtet. Ist es nicht beruhigend, dass die Sonne ihre immer gleichen Bahnen zieht und der Mond sich Monat für Monat immer neu rundet? Ist es nicht tröstlich, wenn er so freundlich durch die Wolken scheint?

Er hat etwas Menschliches, dieser Mond, er hat ein liebes Gesicht. Doch bei aller Liebe, wir möchten auch gern wissen, wann genau er wieder erscheint und wo er dann am Himmel zu sehen ist, hinter Hügel und Tal, über Baum und Kirchturm. Wenn der Mond hinter dem alten Birnbaum in unserem Garten aufgeht, dann ist mir klar, genau jetzt ist Vollmond.